SOUNDGARDEN
ARTICLES

Reprinted without permission from SonntagsZeitung, April 13, 1997

DIE AMERIKANISCHE BAND SOUNDGARDEN HAT SICH AUFGELÖST
von Lukas Rüttimann

Die amerikanische Band Soundgarden hat sich aufgelöst. Damit verliert die Rockszene einen ihrer derzeit wohl wichtigsten Exponenten.

"Nach zwölf Jahren haben die Mitglieder der Band Soundgarden beschlossen, sich in aller Freundschaft und gegenseitigem Einverständnis zu trennen und anderen Interessen nachzugehen. Zurzeit können über allfällige Zukunftspläne der Musiker keine Angaben gemacht werden", liessen A&M Records aus Hollywood am Mittwoch verlauten.

Die Meldung klingt unsentimental und wenig aussagekräftig. Gerade so, als hätte sich irgendeine mässig erfolgreiche Dutzendband aufgelöst. Doch Soundgarden waren alles andere als eine beliebige Kapelle. Vielmehr waren sie die derzeit wichtigste Rockband der Welt, in der Kritiker wie Musikerkollegen die Zukunft der Rockmusik sahen.

Die Szene zeigte sich denn auch schockiert und meldete das gleich über Internet: "Ich bin entsetzt! Soundgarden waren Genies, sie haben einfach nur grossartige Musik gemacht", liess Pearl-Jam-Gitarrist Mike McCready verlauten. "Ich weiss gar nicht, was ich sagen soll, ich bin sehr traurig", meinte Ex-Nirvana-Bassist Christ Novoselic. Doch nicht nur Szenen-Promis zeigten Gefühle. Auch der Fan auf den Strassen Seattles nahm Anteil: "Falls der Split wirklich endgültig ist, würde ich es am ehesten mit der Auflösung der Polizei vergleichen", meinte ein Plattenverkäufer.

Gegründet wurde die Band, die sich nach einer Skulptur in ihrer Heimatstadt Seattle benannte, 1984 von Sänger/Gitarrist Chris Cornell und Gitarrist Kim Thayil. Beeinflusst von Black Sabbath, The Stooges, Led Zeppelin oder MC5, begann für sie eine beeindruckende Karriere. Als erste Gruppe aus der neuen Seattler Rock-Szene unterschrieben sie einen Vertrag mit einer grossen Plattenfirma. Zu diesem Zeitpunkt stand die Musikszene in Seattle in vollster Blüte. Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder Alice In Chains sollten kurze Zeit später die Musikwelt mit der Grunge-Bewegung auf den Kopf stellen.

Entgegen einer weitverbreiteten Meinung war die Grunge-Bewegung aber nicht Startschuss, sondern eher Hindernis für den Durchbruch von Soundgarden. Während Nirvana und Pearl Jam immense Verkaufserfolge feierten, musizierte Seattles aufregendste Band mit ihrer Platte "Badmotorfinger" im Schatten ihrer Kollegen. Viel schlimmer als die ausbleibenden Nummer-eins-Plazierungen aber war, dass Soundgarden plötzlich auch der Grunge-Szene zugeordnet wurden. Die Musiker selbst hatten sich von solchen Kategorisierungen stets distanziert und pochten lange Zeit vergebens auf ihren eigenen Sound und ihre eigene Identität.

Das sollte sich erst später auszahlen. Während die Grunge-Bands zunehmend in der Bedeutungslosigkeit verschwanden, setzten Soundgarden 1994 mit "Superunknown" einen Meilenstein der modernen Rockmusik. Das Album zeigte die Band auf dem Höhepunkt ihres Schaffens: Nie klang Kim Thayils innovatives Gitarrenspiel besser, nie schrie Chris Cornell emotionaler als in Songs wie "Fell On Black Days", "Black Hole Sun" oder "4th Of July".

Das vierfach für einen Grammy nominierte Album verkaufte sich weltweit über sieben Millionen Mal und brachte der Band den Durchbruch. "Soundgarden hauchen der Rockmusik neues Leben ein", schrieb ein amerikanischer Kritiker. Mit dem letztjährigen Album "Down On The Upside" - mit der brillanten Single "Burden In My Hand" als herausragendem Track - untermauerte die Gruppe ihren Ruf, das Mass aller Dinge in der modernen Rockmusik zu sein.

Das plötzliche Ende Soundgardens kommt daher überraschend - obwohl es kein Geheimnis war, dass es innerhalb der Band Probleme gab. Erst letzten Monat war bekannt geworden, dass Bassist Ben Shepherd festes Mitglied der Seattler Band Devilhead geworden sei. Das von Chris Cornells Ehefrau geführte Management dementierte die Meldung, doch Shepherd selbst bestätigte den Sachverhalt.

Eine gewisse Sättigung der Bandleader Cornell und Thayil soll den Split zusätzlich forciert haben: "Ich sah, wie Kim und Chris zusammensassen und sagten: "Schau, wir haben alles erreicht, was wir wollten. Es lastet ein grosser Druck auf uns, Soundgarden zu sein, obwohl wir die Spitze des Berges erreicht haben. Vielleicht wäre es an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren", erzählte eine der Band nahestehende Person in einer Radiosendung.

Solo-Karrieren anstreben, erscheint diejenige von Chris Cornell am verheissungsvollsten. Der oft depressiv verstimmte Sänger verfügt über das Talent, unvergessliche Lyrics wie "I'm Looking California And Feeling Minnesota" - eine inzwischen legendäre Zeile aus dem Song "Outshined" - zu schreiben. Aber auch sein Gefühl für die Verbindung von schönen Melodien und hartem Rock ist herausragend.

Vorerst noch hoffen aber alle auf eine Rückbesinnung der Soundgärtner. "Wenn Soundgarden nicht mehr sind, kann der Tod der harten Rockmusik nicht mehr weit sein", schrieb ein offensichtlich frustrierter US-Journalist. Und auch der Fan auf den Strassen Seattles gibt sich nicht so schnell geschlagen: "Ich hoffe, es gibt eine grosse Reunion-Tour", meinte einer. "Wissen Sie, wie bei den Eagles..."